112-Peterson: Das Gute für das Gleiche zu opfern ist eine Katastrophe

Jordan B. Peterson, Psychologie-Professor an der Universität von Toronto, wird jetzt jede Woche auf Achgut.com vertreten sein. Seine Hauptthemen sind die Psychologie des religiösen und ideologischen Glaubens sowie die Entwicklung der individuellen Persönlichkeit. Im vergangenen Jahr widersetzte sich Peterson einem kanadischen Gesetz, das die Bürger unter anderem dazu zwingen will genderneutrale Pronomen zu verwenden (Bill C-16), weil es nach seiner Auffassung die Redefreiheit verletzt. Mit seiner Kritik an den  damit verbundenen Ideologien erreicht Peterson auf seinen Youtube-Kanälen inzwischen ein Millionenpublikum. Ab heute veröffentlicht die Achse des Guten regelmässig einen ins deutsche übertragenen Beitrag des Kanadiers unter dem Kolumnentitel „112 Peterson“.

Im Christentum existiert die Vorstellung, dass der Richter und der Erlöser die gleiche Figur sind. Im Buch der Offenbarung kehrt Christus als Richter zurück. Es ist eine offenbarende Vision dieses Buch, sehr seltsam. Es ist das letzte, wovon man erwarten würde, dass konservative Christen daran glauben. Glauben Sie mir, das Buch der Offenbarung ist eine visionäre Halluzination.

Christus kehrt also zurück, mit einem Schwert, das aus seinem Mund kommt; er kehrt als Richter zurück. Er trennt die Verdammten von den Erlösten und die meisten sind verdammt und einige werden erlöst. Es ist sehr, sehr hart.

Jung glaubte, dass die Gestalt Christi in den Evangelien zu angenehm, zu barmherzig, zu gnädig war und nach einem Gegengewicht rief. Und das war das Gegengewicht des Urteils - eine sehr interessante Hypothese. Andererseits gibt es eine Verschmelzung der beiden Vorstellungen, dass der Richter und der Erlöser die gleiche Sache seien.

Gut, jetzt hat mir also ein junger Mann erzählt, dass es seinem Leben an Zweck und Richtung und Bedeutung mangelte. Und dass er nihilistisch war, bis er begann, „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ zu lesen, ein Buch, das ich tatsächlich ganz gern mag.

Wir können instinktiv Qualitäten unterscheiden

Ich habe es drei Mal in verschiedenen Jahrzehnten meines Lebens gelesen. Und einer der interessanten Aspekte dieses Buches ist, dass es eine Untersuchung der Vorstellung von Qualität ist, von dem Gedanken, dass es qualitative Unterscheidungen zwischen den Dingen gibt und dass wir einen Instinkt dafür haben, qualitative Unterscheidungen treffen zu können. Eine qualitative Unterscheidung ist einfach: "dies ist besser als das", und das ist ein Urteil.

Sie kennen diese moderne Vorstellung, dass Sie sich selbst akzeptieren sollen. Ich denke übrigens, dass das ist eine verrückte Idee ist. Wirklich, ich kann mir keinen nihilistischeren Gedanken vorstellen, als: „Du bist schon okay“! Nein, bist Du nicht! Und der Grund dafür, dass Du es nicht bist, ist, dass Du viel mehr sein kannst als Du bist! Also, was willst Du sein? Möchtest Du „in Ordnung“ sein, so wie du bist, oder willst Du nach etwas streben, was besser ist?

Und dieser junge Mann sagte, der Grund dafür, dass „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ einen solchen Einfluss auf ihn hatte, lag darin, dass er mit seinem gegenwärtigen Dasein nicht glücklich war.

Er legte kein Augenmerk darauf, dass er sich selbstgenügsam gemacht hatte. Der Autor von „Zen“, Robert Pirsig, weckte in ihm die Vorstellung, dass man qualitative Unterscheidungen machen könne, dass es wirklich einen Unterschied gebe zwischen guten Dingen und schlechten Dingen oder großen Dingen und bösen Dingen. Und das gibt einem eine Richtung. Es gibt einem die Möglichkeit, aufwärts zu streben.

Ein wirklich entsetzlicher Aspekt

Und Ratzinger weist zumindest in gewissem Maße darauf hin, dass die Menschen an und für sich unzureichend sind und das Streben nach oben brauchen. Darum müssen sie so etwas wie das höchste Gut konzeptualisieren und dann danach streben.

Die Sache ist die, dass es keinen Unterschied gibt zwischen der Konzeption des Guten und dem Gerichtet werden, denn wenn man das Gute konzeptualisiert und darauf zugehen will, dann muss man sich von allem trennen, was nicht ist gut und es hinter sich lassen.

Und deshalb sind der Erlöser und der Richter das Gleiche.

Ein wirklich entsetzlicher Aspekt unserer modernen Welt ist in meinen Augen, dass wir den Begriff der qualitativen Unterscheidungen ablehnen. Man sagt: „Wir wollen niemandes Gefühle dadurch verletzen, dass wir sagen, eine Sache sei besser als die andere!“ So als sage man: „Okay, das ist recht und billig. Es macht ja auch keinen Spaß, zu den Verdammten zu gehören, soviel steht fest.“

Aber wenn Menschen in ihrem gegenwärtigen Zustand tatsächlich unzureichend sind, was der Fall zu sein scheint - versuchen Sie mal, jemanden zu finden, der es nicht ist - und wenn Sie dann die Möglichkeit einer qualitativen Unterscheidung verweigern, weil Sie radikalen Egalitarismus fördern wollen, dann verwerfen Sie die Möglichkeit der Erlösung, weil es kein Streben zum Guten mehr gibt.

Für mich ist das eine Katastrophe, das Gute für das Gleiche zu opfern. Denn gleich zu sein würde, soweit ich das beurteilen kann, bedeuten, dass wir alle gleichermaßen unglücklich, unerlöst und elend blieben.

Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Vortrag „Biblical Series VIII: The Phenomenology of the Divine“. Hier geht’s zum Original-Vortrag auf dem Youtube-Kanal von Jordan B. Peterson

Siehe auch hier einen Beitrag von Achse-Autor Bernhard Lassahn zu Jordan B.Peterson.

Foto: Tim Maxeiner

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Leserpost (3)
Hubert Paluch / 18.10.2017

Bewertung setzt voraus, dass man zunächst diskriminiert (discriminare, lat. unterscheiden). Aber genau die Doppeldeutigkeit der Diskriminierung ist es, die uns Westler so sehr schreckt. Der volle Furor der Egalitätsfanatiker trifft jeden, der zwischen Ethnien diskriminiert. Obwohl durch empirische Forschung die unterschiedliche kognitive Leistungsfähigkeit der Völker, und damit ihre kulturellen Fähigkeiten, alle paar Jahre immer und immer wieder bestätigt wird, darf gegen das Dogma des Antirassismus nicht verstoßen werden. Wer es tut (Nobelpreisträger James Watson, Thilo Sarrazin, Heiner Rindermann, Rud Koopmanns, Volkmar Weiss, Richard Lynn, Tatu Vanhanen, Gunnar Heinsohn und viele andere), wird an den Pranger gestellt und sozial geächtet.

Heinz Bannasch / 18.10.2017

Im Christentum gibt es nunmal keine Gewaltenteilung: 1. Gott ist die Legislative (10 Gebote) 2. Gott ist die Judikative (jüngstes Gericht) 3. Gott ist die Exikutive (Selektion an der Rampe: nach rechts geht’s in die Hölle und nach links gehts in den Himmel)

Hermann Neuburg / 18.10.2017

Deswegen gibt es für mich eindeutig gute Religionen, wie den Judaismus, den Buddhismus oder das Christentum, weniger gute, wie etwa den Hinduismus und schlechte Religionen, wie etwa den Islam oder den Sozialismus. Und: Quantität ist nicht gleich Qualität!

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