10 Jahre Fummelei im Netz - Das Smartphone hat Geburtstag

Damals ahnten es manche, heute wissen es alle: Es war eine Sternstunde der Menschheit, als das große Wischen begann. Statt des Zauberstabs, von dem die Menschheit schon so lange träumte, bekam sie eine Zaubertafel: ein flaches, glattes, ungefähr handgroßes Ding, mit dem man durch Befingern wundersame Sachen anstellen kann. Es macht seinen Besitzer nahezu allwissend und fast allgegenwärtig, es verschafft ihm Zutritt und leitet seinen Weg, es dient als Kamera und ganz nebenbei auch noch als Telefon.

Dabei sollte letzteres eigentlich die Hauptfunktion der Smartphones sein, doch das mobile Telefonieren war schon vor mehr als zehn Jahren zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Schon damals gehörten gutgekleidete Leute mit hochgradig irrem Verhalten zum Alltagsbild, Leute, die ohne erkennbares Gegenüber mit einem auf nichts Vorhandenes gehefteten Blick plötzlich gestikulieren, grimassieren, raunen und schimpfen, während sie einen Knopf im Ohr haben. Allein im Park oder mitten unter anderen Leuten beim Einsteigen ins Flugzeug, reden sie ins Leere los, aber alles kein Einlieferungsgrund! Alles bloß Handy! Menschen mit digitalen Endgeräten ähneln der Hauptfigur in der Psychiatrie-Komödie „Mein Freund Harvey“.

Das Smartphone hat diesen Notstand einerseits befördert und andererseits zu überwinden beigetragen. Denn das Smartphone dient mehr der schriftlichen und bildlichen Kommunikation als dem Gespräch. Tippen ist das neue Reden, da man in vielen Lebenssituationen den Mund halten muß, aber die Finger frei hat. So sitzen wir in Konferenzen, Konzerten und Konditoreien und setzen Kurznachrichten ab, bekommen umgehend Antworten, die wir wiederum sofort beantworten, was uns des momentanen Hierseins reizvoll enthebt, weil das Ferne stets interessanter als das Nahe ist, weil Virtualität die Realität in jeder Hinsicht schlägt.

Seit dieser Erfindung sind wir immer etwas abwesend

Wegen der ständigen Fummelei im Netz sind wir dort, wo wir uns gerade befinden, immer etwas abwesend. Dafür können wir dort, wo wir uns nicht befinden, ein bißchen anwesend sein. Das ist so großartig und verlockend, daß viele von uns nicht nur elementare Höflichkeitsregeln mißachten, sondern zu ungeteilter Aufmerksamkeit gar nicht mehr fähig sind. Mehr als zweihundertmal am Tag nehmen wir angeblich unser Smartphone in die Hand, und sei es nur, um mit einem Blick zu checken, daß seit dem letzten Mal nichts Wichtiges passiert ist.

Was wir mit diesem Blick nicht sehen, ist, was derweil mit uns passiert. Unser Lebensweg wird vom Smartphone in eine breite Datenspur verwandelt. Denn alles ist Kommunikation oder hat damit zu tun: was wir kaufen, wo wir uns aufhalten, ob wir reisen und mit welchem Verkehrsmittel. Kommunikation ist unser Schicksal. Es gibt da kein Entkommen. Auch unser Schweigen kann Bände sprechen. Selbst wenn wir die Kommunikation verweigern, kommunizieren wir. Die Geltung dieser Dialektik hat sich durch die Möglichkeit des Überallkommunizierens beträchtlich verstärkt und erhöht. Wer auf Nachrichten nicht reagiert, macht sich verdächtig. Es gibt keine Ausreden mehr. Außer dem Joker: Mein Smartphone ist kaputt. 

Leserpost (3)
Peter Fehlhaber / 10.01.2017

Tippen ist das neue Reden, da man in vielen Lebenssituationen den Mund halten muß, aber die Finger frei hat. - Die Begründung stimmt nicht. Der Trend geht zum Schreiben unabhängig davon, ob man gerade telefonieren könnte oder nicht.  Wie hoch ist der Anteil der Bildtelefonie? In den 80ern habe ich drauf gewartet, seit ISDN Anfang der 90er funktioniert es tadellos, doch bis heute skypet höchstens der Student mit seinen Eltern in Indien. Man möchte nicht gesehen und neuerdings auch nicht gehört werden. Die Reduktion auf einfache Zeichen scheint angenehmer zu sein. Geht mir ja auch so.  Lässt sich eine Stimme schwerer dekodieren? Beim Telefonieren braucht es immer etwas Blabla bis die Verbindung überhaupt steht. Oder sind die ganzen Informationen, die Bilder und Töne so nebenbei noch transportieren, einfach Ballast?

Karl Eduard / 10.01.2017

Seit Einführung des Smartphones sehe ich Kinderwagen schiebende Mütter, die mit dem Smartphone sprechen, nicht mit dem Kind. Und Schülergruppen, die, nebeneinander gehend, sich über das Smartphone unterhalten. Wenn es sich jemand zum Ziel gesetzt hätte, die Menschen von frühester Jugend an, aus der Wirklichkeit zu entfernen und sie außerstande zu setzen, miteinander zu sprechen, von Angesicht zu Angesicht, das Smartphone wäre seine erste Wahl geworden.

Andreas Horn / 10.01.2017

Ein ganz wichtiger Aspekt fehlt noch, die “Netzgläubigkeit”, eine neue Religion, die angeeigneten Wissen ersetzt. Warum lernen, hinterfragen, lesen? Das Ding in der Hand hat jede Antwort parat, egal wie richtig oder falsch die sein mag!

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