Gastautor / 07.02.2013 / 13:39 / 0 / Seite ausdrucken

Therapeutischen Autoritarismus

Matthias Heitmann

Während Konservative die ehemals “linke” Frauenquote einführen, werden verbale männliche Geschmacklosigkeiten als Sexismus gebrandmarkt. Offensichtlich sind Männer mega-out.

Die Gleichstellungspolitik wie auch der Kampf gegen Sexismus wollen ein Wertesystem mit vermeintlich “weiblichen” Zügen etablieren. Frauen hilft das aber nicht weiter: Ginge es wirklich um sie, läge das Augenmerk nicht auf Aufsichtsräten und Herrenwitzreißern wie Rainer Brüderle, sondern auf dem Ausbau der Kinderbetreuung.

Die wenigsten Männer und Frauen interessieren sich für Aufsichtsräte oder wollen dort hinein. Karrierismus (Link: http://www.welt.de/themen/karriere/) gilt – wie auch der Sexismus – als Ausdruck des männlichen Fanatismus und psychischer Deformationen.

Macht- und Geldgier verdirbt den Charakter – daran besteht für die meisten kein Zweifel. Und dass die Menschheit in ihrem rücksichtslosen Streben nach mehr Macht, Kontrolle und Wachstum zu weit gegangen sei und so nicht nur die Wirtschaftskrise, sondern die Umweltzerstörung und den Klimawandel zu verantworten habe, ist heute ebenfalls Mehrheitsmeinung.

Die Werte zählen

Viele der heutigen Probleme gelten als “klassisch männliche”. Zu ihnen gehören der Hang zu Brutalität, sexueller Gewalt (Link: http://www.welt.de/themen/sexualdelikte/) , kühler Rationalität, Technikbesessenheit und übersteigertem Egoismus sowie das Fehlen von Sinnlichkeit, Emotionalität, sozialem Gewissen, Stil und Empathie.

Die dem “Männlichen” abgehenden Werte werden als “weiblich” beschrieben. Menschen mit femininen Charaktereigenschaften gelten als anständiger, verlässlicher und kreativer – kurz gesagt: als menschlicher. Dies bekommen gerade auch Frauen zu spüren, die auf “männliche” Art Karriere machen wollen – und beschwipste ältere Politiker, die sich an einer Hotelbar im Ton vergreifen.

Es geht also um Werte und darum, wie sie auf dem Rücken von Frauen und Männern durchgesetzt werden sollen. Die Quoten- und Sexismusdiskussionen sind Paradebeispiele für den vorherrschenden autoritären Politikansatz im Frauenkleid: Gesellschaftliche Veränderungen sollen nicht durch eine Vergrößerung individueller Gestaltungs- und Handlungsräume im Sinne einer wirklichen “Emanzipation”, sondern durch eine straffe Regulierung und Sanktionierung von oben bewerkstelligt werden.

Wenn sich Entwicklungen und Verhaltensweisen nicht so einstellen wie von der “aufgeklärten” Entscheidungselite gewünscht, so werden sie eben kurzerhand “vorgeschrieben”.

Behütungs- und Erziehungspolitik

Diese Art der Gesellschaftsgestaltung von oben ist heute allgegenwärtig. In nahezu allen Politikfeldern werden als “alternativlos” geltende Ziele ungeachtet ihrer eventuell fehlenden öffentlichen Unterstützung durchgesetzt.

Legitimiert wird dies dadurch, dass die Problemursachen im Verhalten der Menschen verortet werden und sich die Politik somit als wohlmeinender Wegbereiter und Außenbordmotor eigentlich zivilgesellschaftlicher Entwicklungsprozesse positioniert. Hin und wieder begehren manche gegen diese wohlmeinende Behütungs- und Erziehungspolitik auf.

In der Regel ist aber das Misstrauen gegenüber den Mitmenschen, ob in den Vorstandsetagen oder auch nur im Nachbarhaus, stärker als die Skepsis gegenüber “Mutter Staat”.

Frauenthemen eignen sich hervorragend für diese Form der Politik. Die Klagen von Feministinnen und Wissenschaftlerinnen der sogenannten Gender Studies über den vermeintlich allgegenwärtigen Sexismus und die Benachteiligung von Frauen, die trotz der rechtlichen Gleichstellung weiter existieren, werden nur zu gerne aufgegriffen.

Die Schlussfolgerung lautet: Gleichberechtigung reicht nicht aus, weshalb durch gezielte Förderung von Frauen, also durch eine gezielten Benachteiligung von Männern, die Spielräume der Ersteren durch die Beschneidung der Möglichkeiten der Letzteren verbessert werden müssen. Dies ist der Grundgedanke des “Gender-Mainstreamings”, das seit 1999 offizielles Ziel der Gleichstellungspolitik der Europäischen Union (Link: http://www.welt.de/themen/europaeische-union/) ist.

Popularität “weiblicher Werte”

Themen wie diese sind aber auch deswegen wie gemacht für eine autoritäre Regulationspolitik, da sich unter Hinweis auf tief sitzende geschlechtsspezifische Verhaltensmerkmale der demokratische Souverän – die Wahlbevölkerung – leicht vom Handelnden in den Behandlungsbedürftigen umdefinieren lässt.

In feministischer Tradition (Link: http://www.welt.de/themen/feminismus/) werden die Hauptursachen für die fortbestehenden Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht in mangelhaften gesellschaftlichen Strukturen gesucht. Vielmehr gilt deren Existenz als Ausdruck der sexistischen Dominanz des “Männlichen”. Dieser Missstand, so die logische Konsequenz, müsse “behandelt” werden, auf allen Ebenen des öffentlichen wie privaten Lebens.

Diese Politik kann man getrost als “therapeutischen Autoritarismus” bezeichnen. Sie ist autoritär, weil die Bevölkerung als gestaltender Faktor ausfällt, und sie ist therapeutisch, da der Ausweg in einer die vermeintlich grundlegenden geschlechtsspezifischen Charaktereigenschaften ausmerzenden Intensivbehandlung liegt.

Die Popularität “weiblicher Werte” ist nicht verwunderlich: Sie passen einfach sehr viel besser in die heutige Welt als der “männliche” Anspruch, in Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft etwas bewegen und der Welt seinen eigenen Stempel aufdrücken zu wollen.

Heute werden Menschen nicht dadurch populär, dass sie selbstbewusst und ehrgeizig ihre Vorstellungen durchsetzen oder die Welt verändern wollen. Beliebt sind eher diejenigen, die sich solchen Ambitionen und Anforderungen entziehen, die das Gute in Bescheidenheit, Anpassung und Verzicht finden und die sich als “Opfer der Männlichkeit” präsentieren.

So lässt es sich gut regieren, gut leben nicht. Mehr denn je braucht unsere Gesellschaft Menschen mit Eiern, die sich nicht gleich zu Opfern stilisieren, sondern bestehende Grenzen und Dogmen infrage stellen und sich für Neues und Besseres einsetzen. Die Werte der “Weiblichkeit” sind daher zeitgeschichtlich betrachtet Werte der fragilen Stagnation.

Zuerst erschienen in der WELT

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