Henryk M. Broder / 06.02.2013 / 08:54 / 0

Eine Schande für Europa

Während die einen jedes Jahr am 27. Jänner Auschwitz aufs Neue befreien und die anderen dazu aufrufen, keine Produkte aus israelischen Siedlungen zu kaufen (“Deutsche wehrt Euch, kauft nicht bei Zionisten!”), derweil ganz andere eine Sexismus-Debatte führen und das Ende des alten weißen Mannes feiern, findet vor unserer Tür ein Blutbad statt, das sowohl die Alleskönner und Alleswisser in der Politik wie die Kretins der Friedensbewegung kalt lässt, als wäre es eine Prügelei am Rande des Oktoberfestes. Die höchst aktive Passivität wird mit der Unübersichtlichkeit der Verhältnisse begründet, man wisse nicht, wer die Guten und die Bösen seien und ob unter den Kämpfern nicht auch Islamisten sein könnten. Im Übrigen sei Assad zwar ein schlimmer Finger, dafür aber auch ein Garant stabiler Verhältnisse. Und der Nahe Osten dürfe auf keinen Fall “destabilisiert” werden, denn dann drohe, da sind sich alle einig, ein “Flächenbrand”. Sogar der große Nahostexperte der ARD, Sebastian Engelbrecht, der sich vor kurzem noch darüber aufgeregt hat, dass Israel mitten im arabischen Frühling nichts tut, anstatt “den aufbegehrenden Völkern und Bewegungen auch nur im Ansatz Respekt oder gar Wertschätzung entgegenzubringen”, schweigt beharrlich. Erst am Aschermittwoch wird er Asche auf sein Haupt streuen, wenn auch aus anderen Gründen.
Aber so viel Asche kann es gar nicht geben, wie Europa eines nahen Tages brauchen wird, um für sein Schweigen und seine aktive Passivität angesichts des Völkermordes in Syrien Buße zu tun. Die Karten im Nahen Osten werden derzeit neu gemischt. Die Sieger stehen noch nicht fest, aber wenn es eine Gerechtigkeit gibt, wird das dekadente, feige und verkommene Europa zu den Verlierern gehören: “Inschallah” und “Im Esrat Ha’Schem”!

Siehe auch:
Damaskus wird brennen
In ganz Syrien wird gekämpft. Selbst in der eigenen Wohnung ist niemand sicher. Menschen werden gedemütigt, verschleppt, auf offener Straße getötet. Das ist Syriens Alltag.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/alltag-in-syrien-damaskus-wird-brennen-12050911.html

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