Oliver Marc Hartwich / 04.02.2013 / 02:33 / 0 / Seite ausdrucken

Europas Niedergang hat begonnen

Selbst Politiker, die ständig von einer Konferenz zur anderen eilen, fliegen nicht oft nur zu einem Wochenendmeeting um die halbe Welt und zurück. Noch bemerkenswerter ist es, wenn die meisten europäischen Politiker zusammen eine solche Reise unternehmen – aber genau das geschah am vergangenen Wochenende. Es war zudem ein Zeichen für Europas schwindenden politischen und wirtschaftlichen Einfluss in der Welt.

In Santiago de Chile kamen die 27 Mitglieder der Europäischen Union und die 33 Mitglieder der Gemeinschaft lateinamerikanischer Staaten zu ihrem alle zwei Jahre stattfindenden Gipfel über die Beziehungen zwischen Lateinamerika und Europa zusammen.

Unter den Delegierten waren die Präsidenten von Chile, Argentinien und Brasilien, die Kanzler Deutschlands und Österreichs, die Premierminister von Spanien, Frankreich und Portugal, die Präsidenten der EU-Kommission und des Europäischen Rates sowie die Chief Executives und Chairmen multinationaler Unternehmen aus beiden Kontinenten.

Vergleichbare regionale Gipfel werden seit 1999 abgehalten, als Lateinamerikaner und Europäer in Rio de Janeiro erstmals zusammenkamen. Was sich seither geändert hat, ist die Rolle der beiden Kontinente. Früher waren die Lateinamerikaner die schwächeren Partner in dieser Beziehung - heute fällt diese Position den Europäern zu.

Denkt man an das Ende des vorigen Jahrhunderts zurück, so erholte sich Lateinamerika damals noch von der südamerikanischen Schuldenkrise. Argentiniens große Wirtschaftskrise war sogar noch in vollem Gange und führte zum Staatsbankrott des Landes erst im Jahre 2002. Europa dagegen hatte gerade seine Teilung durch den Kalten Krieg überwunden, seinen Gemeinsamen Markt aufgebaut und bereitete sich nun voller Optimismus auf die EU-Erweiterung und den Beginn der Währungsunion vor.

Ende der 1990er Jahre deutete nichts darauf hin, dass die beiden Kontinente sich in nächster Zukunft auf Augenhöhe begegnen würden. Auf der einen Seite standen die reichen, zur Ersten Welt zählenden Industriestaaten Europas - auf der anderen die ärmeren, mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfenden Entwicklungsländer Lateinamerikas. Ein Dialog zwischen der EU und Lateinamerika war damals eine freundliche Geste, gewiss jedoch keine strategische Partnerschaft.

Die makroökonomischen Zahlen unterstreichen, wie anders die Welt damals im Vergleich zu heute aussah. Nach Angaben der volkswirtschaftlichen Forschungsgruppe „The Conference Board“ wurde zwischen 1996 und 2005 ein Drittel des gesamten Wachstums der Weltwirtschaft in Europa erwirtschaftet. Im gleichen Zeitraum entfielen auf Lateinamerika nur 11 Prozent. Im vergangenen Jahr dagegen schrumpfte die Wirtschaft Europas um 0,2 Prozent, während Lateinamerika ein Wachstum von 3,1 Prozent verzeichnete.

Die Prognose für die nächsten Jahre deutet in die gleiche Richtung. Dadurch wird Europas Anteil an der Weltwirtschaftsleistung von seinem derzeitigen Stand von 20,2 Prozent auf 17,4 Prozent im Jahr 2025 fallen, während der Anteil Lateinamerikas nur geringfügig von 7,7 Prozent auf 7,2 Prozent sinken wird – gemessen am starken Aufstieg Asiens kein schlechtes Ergebnis.

Kurz gesagt: Lateinamerika hat im letzten Jahrzehnt deutliche wirtschaftliche Fortschritte gemacht, während Europa seine schwerste strukturelle Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt. Folgerichtig verlangen nun die Lateinamerikaner Zusicherungen hinsichtlich Wirtschaftsreformen in Europa und nicht umgekehrt.

Die sich wandelnde Dynamik zwischen Europa und Lateinamerika hat jedoch noch einen weiteren Aspekt: Asien.

Seit jeher orientierte sich Lateinamerika, was Handelsmöglichkeiten und Auslandsinvestitionen anging, in Richtung Nordamerika und Europa. Mit dem Aufstieg Asiens haben diese beiden traditionellen Handelspartner relativ an Bedeutung verloren. Einstmals war Lateinamerika zu seiner Entwicklung auf Europa angewiesen; dies ist heute jedoch nicht mehr unbedingt der Fall.

Inzwischen ist Lateinamerika infolge des Aufschwungs in Asien für die Europäer wichtiger geworden. Chinas Ressourcenhunger wird in Europa mit Sorge beobachtet und da die Chinesen in Lateinamerika tätig werden, fürchten die Europäer, ins Hintertreffen zu geraten. Es ist nicht überraschend, dass Kanzlerin Angela Merkel ihren Besuch in Santiago zum Anlass nahm, eine Vereinbarung zu unterzeichnen, mit der Deutschland Zugang zu den gigantischen Kupfervorkommen Chiles gewährt wird.

Auf dem Gipfel von Santiago wurde offensichtlich, dass nicht die Lateinamerikaner sich um europäische Investitionen bemühten, sondern umgekehrt. Wie der chilenische Präsident Sebastian Pinera in seiner Schlusserklärung den Gipfelteilnehmern stolz verkündete, waren Investitionen keine Einbahnstraße mehr. Im letzten Jahrzehnt investierten Europäer 340 Mrd. Euro in Lateinamerika, in die andere Richtung flossen hingegen 87 Mrd. Euro.

Verbesserte Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen den beiden Kontinenten werden letztlich beiden zugute kommen. In diesem Sinne ist es positiv zu werten, dass als ein Ergebnis des Gipfels - obwohl einige Meinungsverschiedenheiten vor allem über den Agrarprotektionismus Europas nicht ausgeräumt werden konnten - beide Seiten ihre Wirtschaftsbeziehungen weiterentwickeln wollen.

Die Europäer hätten andererseits gute Gründe, die Erfahrungen auf diesem Gipfel zum Anlass zu weiteren Überlegungen zu nehmen.

Ebenso wie die Europäer bei internationalen Klimawandel-Verhandlungen durch die USA, Indien und China an den Rand gedrängt wurden, so müssen sie nun erkennen, dass sie selbst für Lateinamerika eine immer geringere Rolle spielen. Die Zeiten, in denen Europa eine dominierende Kraft in der Welt war, sind lange vorbei und mittlerweile wird sogar Europas Status als bedeutender wirtschaftlicher und politischer Faktor in Frage gestellt.

Wenn sich Lateinamerikaner und Europäer 2015 zu ihrem nächsten Gipfel treffen, wird es interessant sein zu sehen, wie viele südamerikanische Spitzenpolitiker sich tatsächlich die Mühe machen, den weiten Weg nach Brüssel anzutreten.

Dr. Oliver Marc Hartwich ist Executive Director der The New Zealand Initiative.

‘The beginning of a European denouement’ erschien zuerst in Business Spectator (Melbourne), 31. Januar 2013. Aus dem Englischen von Cornelia Kähler (Fachübersetzungen - Wirtschaft, Recht, Finanzen).

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