Jennifer Nathalie Pyka / 28.01.2013 / 16:48 / 0 / Seite ausdrucken

Mein Leben als Opfer

Wie ich nun den Medien entnehme, bin ich ein Opfer. Oder nein, ich bin es nicht nur, ich war es schon immer und werde es womöglich immer bleiben: ein Opfer des alltäglichen und überall auflauernden Sexismus und der Männer, die ihn praktizieren. Handküsse, Komplimente, Avancen – alles schon erlebt, alles für unspektakulär und nicht sexistisch gehalten. Doch nun, da sich die Dirndl-Brüderle-Affäre zu einer Sexismus-Debatte auswächst, weiß ich es besser. Von gestern auf heute wurde ich zum Opfer befördert und muss mich erst mal in meiner neuen Rolle einrichten.

So erfordern nette Komplimente für das Aussehen gemäß „Spiegel“ unbedingt ein lautes „Stopp“, Alice Schwarzer rät indes vom Lächeln ab, und zwischendurch soll, nein, muss frau auch noch laut auf Twitter #aufschrei-en, um die Geschlechter-Revolution endlich zu vollziehen. Ziemlich stressig also. Und wie verrückt ist es eigentlich, das ganze Leben lang ein Opfer zu sein und genau das komplett verpennt zu haben? Warum hat mir niemand Bescheid gesagt?

Es liegt an der Sensibilisierung, diagnostizieren geübte Feministinnen, die dahingehend schon weiter sind. Aber ich bin ja auch noch neu in der Opferrolle. Während mir beigebracht wurde, gute Manieren zu schätzen, sich gegen aufdringliche Idioten zu wehren und sonst ein gewisses Maß an Ignoranz an den Tag zu legen, spezialisierten sich circa gleichaltrige Damen offenbar auf die Feinjustierung ihrer Sexismus-Sensoren. Heute betreiben sie Blogs, wo sich primär alles um sie selbst, sexual harassment, rape culture und den alltäglichen Sexismus, der allerorts zuschlägt, dreht. Wo Handküsse quasi als Vorspiel zur Vergewaltigung geahndet werden und eigentlich nur noch der gelbe Stern fehlt, um die dramatische Inszenierung zu vollenden.

Nun fragt man sich: Wo leben diese hoch sensibilisierten Frauen eigentlich? In Kalkutta, Kinshasa oder Caracas? Tatsächlich sind es deutsche Städte, in denen kein Tag ohne „sexual harassment“ und Narben für die weibliche Psyche vergeht. Ich hingegen habe das nicht mitbekommen, weil ich nicht wusste, dass sporadisch hinterherpfeifende Bauarbeiter und schräge Blicke in öffentlichen Verkehrsmitteln eine so desaströse Wirkung auf meine Seele haben sollen. Doch auch das, so die „Wir Frauen“ – Fraktion, sei Teil des Problems. Wer gesteht, unter den Chauvis dieser Welt nicht entsetzlich zu leiden, dem wird unverzüglich „Verdrängung“ attestiert. Aha, wieder was gelernt.

Umso nützlicher erscheint der #Aufschrei auf Twitter, wo frau als Opfer-Newcomerin noch viel dazu lernen kann.  Einiges von dem, was dort erzählt wird, entspricht sexueller Nötigung und bedarf absolut der Thematisierung. Der überwiegende Rest hingegen kommt mir bekannt vor. Etwa der Physiklehrer, der meint, Mädchen hätten kein Talent für Naturwissenschaften - womit er in meinem Fall sogar Recht hat. Es war aber vielmehr die Quantenchromodynamik, die mich nachhaltig traumatisierte, und nicht der „Sexismus“ des dazugehörigen Lehrers, dessen Namen ich vergessen habe. Doch in Tagen wie diesen, da halb Deutschland zum Opfer gekürt wird, muss man eben Prioritäten setzen. Die Differenzierung zwischen Petitessen, Sexismus und sexueller Gewalt gehört nicht dazu. Verharmlosung? Iwo.

Indes schreien auch viele Männer gegen die Brüderles und Physiker dieser Welt auf. Gerne wüsste ich, ob es sich hier um die gleichen Exemplare handelt, die sich abends in der Kneipe lieber ihrem Bier widmen, anstatt eine Frau kurz zum Taxistand zu begleiten. Wobei: Auch das wäre Sexismus, denn der liege immer dann vor, wenn Frauen in einer bestimmten Situation anders als Männer behandelt werden. So erklären es zumindest die Aufschreienden.

Ich merke mir: Künftig muss ich ganz laut „Stopp!“ rufen, sobald ich Opfer eines Mannes werde, der mir in den Mantel zu helfen droht. Oder gibt es etwa doch positiven Sexismus? Und by the way: Was soll ich eigentlich tun, wenn Brad Pitt auf meine Tanzkarte will?

Ich gebe zu: Mein neues Leben als Opfer überfordert mich ungemein. Es gehe nicht darum, sich nicht wehren zu können, sondern es nicht mehr zu müssen, erfahre ich beiläufig. Also um eine rosa Welt, in der Frauen nachts keine Angst mehr haben müssen. Das wiederum ist eine prima Idee. Wenn die Feministinnen mit den Vergewaltigern dieser Welt fertig sind, sollen sie sich bitte auch die Mörder, Psychopathen und Taschendiebe vorknöpfen, die mindestens genauso ein Grund sind, als Frau nachts nicht allein durch dunkle Gassen zu marschieren.

In dem Glauben, das Böse dieser Welt ausradieren zu können, tragen „wir Frauen“ allerdings gleichzeitig zu einer sterilisierten Gesellschaft bei. Herrenwitze sind nicht mehr nur geschmacklos, sie mutieren zu Kapitalverbrechen. Menschen gefährden den Antisexismus, der erst dann einkehrt, sobald sich kein Blick – ob bewusst oder unbewusst – in ein Dekolleté verirrt. Schließlich gibt es ja keinen Unterschied mehr zwischen Kompliment und Sexualmord, zumindest nicht in dieser Debatte.

Aber vielleicht hat genau das auch einen tieferen Sinn. Frauen werden zu Opfern, Handküsse zu Verbrechen und Tagebücher inklusive Selbstskandalisierung zu journalistischen Inhalten. Mir hingegen fehlt für den Aufstieg zum Opfer noch ein eigener Mädchenblog, um meine verdrängten Wiesn-Traumata zu verarbeiten. Die „Dirndl-Falle“ wäre doch ein nettes Motto. See you next time bei Jauch!

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