Gideon Böss / 27.01.2013 / 00:16 / 0 / Seite ausdrucken

Dirndl-Fantasien und Sexismus

Schon mehrfach habe ich an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass ich Gender-Experte bin. Im Verlaufe meines Studiums musste ich dazu diverse Seminare und Kurse an zwei Unis belegen. Deswegen weiß ich auch: Es gibt keine Unterschied zwischen Männern und Frauen, aber Frauen sind die besseren Menschen (was jedoch keine Wertung über das dritte Geschlecht sein soll!) Mir wurde in dieser Sache ein akademischer Titel verliehen. Ich bin Experte!

Deswegen interessiert es mich natürlich, wie das Tresen-Gespräch von Rainer Brüderle mit einer Journalistin in den Medien bewertet wird. Und weil es irgendwie nicht so viel hergibt, wenn ein älterer Herr mit Weinköniginnenhintergrund einer Frau anzügliche Komplimente macht, muss Brüderles Dirndl-Fantasie nun zumindest exemplarisch für die Frauenverachtung stehen, die in Politik und Gesellschaft vorherrscht. Beispielhaft dafür steht der Artikel von Patricia Dreyer auf Spiegel Online, der mit „Stopp!“ überschrieben ist und eine dramatische Zustandsbeschreibung Deutschlands liefert. Einem Land, in dem sie schon einmal für eine Sekretärin gehalten wurde, obwohl sie doch Chefin vom Dienst bei Spiegel Online ist, einem Land, in dem Frauen auf Partys Komplimente für ihre Kleidung bekommen und Peer Steinbrück der Kanzlerin einen „Frauenbonus“ unterstellt. Stopp!

Gut, man könnte der Meinung sein, dass das alles keine so beeindruckenden Argumente sind, aber damit würde man diesem Artikel nicht gerecht werden. Er macht nämlich wirklich auf einen Skandal aufmerksam, wenn auch ungewollt durch das, was er ausspart. Dreyer fordert: „Bei allen politisch-gesellschaftlichen Debatten, die in Deutschland über Frauen geführt wurden – ob Gleichberechtigung, Abtreibung, Herdprämie, Frauenquote – eine fehlte bisher: die große Debatte um alltäglichen Sexismus. Beginnen wir sie endlich.“

Fällt es jemandem auf? Würde man nicht erwarten, dass in einem solchen Plädoyer gegen die Unterdrückung der Frauen auch irgendwo die Worte Zwangsverheiratung, und Importbraut fallen? Warum erwähnt Beyer nicht, dass es muslimische Milieus in Deutschland gibt, in denen Frauen praktisch Menschen zweiter Klasse sind, wenn überhaupt. Weiß sie das nicht, interessiert sie sich nicht für das Schicksal dieser Frauen? Schade, dabei gibt es viele Frauen, die heute mehr denn je auf Hilfe und Unterstützung angewiesen wären. Und das nicht, weil sie manchmal für eine Sekretärin gehalten werden, obwohl sie doch eigentlich Chefin vom Dienst bei Spiegel Online sind.

Aber der Feminismus in Deutschland kann sich nun einmal nicht um alle Frauen zugleich kümmern. Da müssen Prioritäten gesetzt werden und das werden sie ja auch.

Gideon Böss schreibt für DIE WELT den Blog “Böss in Berlin” und twittert unter twitter.com/GideonBoess

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