Henryk M. Broder / 24.01.2013 / 08:36 / 0 / Seite ausdrucken

Wir und wirr

In einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ sagt der grüne EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, worauf es „in Zeiten der Globalisierung“ ankommt, nämlich: „Dass wir ein neues Wir-Gefühl erlernen müssen. Unter ‚wir’ sind dann nicht nur alle Menschen zwischen Ostfriesland und Südbayern zu verstehen, sondern die Einwohner zwischen Normandie und Elbe.“

Möglicherweise hat „Dany le Rouge“, wie der Grüne seit 45 Jahren von seinen Freunden gerufen wird, an dieser Stelle des Interviews nur „wir“ mit „wirr“ verwechselt, vielleicht wollte er aus dem „Lied der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben zitieren und es fielen ihm die entscheidenden Zeilen („Von der Maas bis an die Memel,? von der Etsch bis an den Belt…“) grade nicht ein.

Es könnte aber auch sein, dass er es tatsächlich so gemeint hat, wie er es gesagt hat: Das deutsche „Wir“, das zwischen Ostfriesland und Südbayern siedelt, soll in ein deutsch-französisches überführt werden, das von der Normandie bis an die Elbe reicht.

Man könnte nun fragen, ob „wir“ es mit einem Fall von „Globalisierung“ oder „Germanisierung“ zu tun haben, aber die Frage wäre reichlich unangemessen angesichts der Tatsache, dass Daniel Cohn-Bendit nur das macht, was er am besten kann: Schwadronieren, heiße Luft in bunte Ballons abfüllen.

Das machen alle Politiker, aber diejenigen, die sich dem Thema „Europa“ verschrieben haben, tun es mit besonderer Hingabe. Denn sie müssen ein „Wir“ erfinden, das von alleine nie in die Gänge käme. Ein virtuelles „Wir“ der Eliten, die sich längst übernational organisiert haben und ihre Privilegien umso entschlossener verteidigen, je mehr „Europa“ zu einem Selbstbedienungsladen der Wenigen auf Kosten der Vielen verkommt. Bei Cohn-Bendit hört sich das so an: „Wenn wir in Zukunft unser Leben selber bestimmen wollen, dann brauchen wir eine europäische Souveränität.“

Was irgendwie impliziert, dass „wir“ bis jetzt „unser“ Leben nicht selber bestimmt haben und es „in Zukunft“ noch weniger tun werden, wenn wir nicht eine „europäische Souveränität“ erschaffen. Cohn-Bendit hat das Problem für sich selbst weitgehend gelöst. Er gehört dem EU-Parlament seit 1994 an. Nächstes Jahr will er aufhören und sich nach 20 Jahren „wieder einmal ein bisschen anders erfinden“. Irgendwo zwischen der Elbe und der Normandie.

Erschienen in der Weltwoche vom 24.1.13

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