Gastautor / 19.01.2013 / 11:52 / 0 / Seite ausdrucken

Klopfzeichen aus der Welt der Sozialwissenschaften (Folge 4)

Thomas Petersen

Pasteurs Hühner.
Warum man wissenschaftlichen Fortschritt nicht planen kann

Karl Popper ist unser Unglück! Liberal gesinnte Leser dürften bei diesem Satz zusammenzucken, doch er bezieht sich nicht auf die gesellschaftstheoretischen Arbeiten Poppers, sondern auf seine Wissenschaftstheorie. Auch sie ist aller Ehren wert, doch sie hat in den Sozialwissenschaften viel Schaden angerichtet.

Die Frage, wie eigentlich neues Wissen entsteht, ist eines der Gebiete, auf denen Forscher und die Bevölkerung geradezu phantastisch gründlich aneinander vorbeireden. Doch auch innerhalb der Wissenschaft verläuft ein tiefer Graben zwischen Wissenschaftstheoretikern und -praktikern.

Bei den meisten Menschen überwiegt die Vorstellung, Wissenschaft sei ein planbarer Prozess. Demnach sucht man sich am Anfang ein nützliches Forschungsziel aus und arbeitet dann darauf hin. Wenn man nicht sicher weiß, was bei dem Forschungsprojekt herauskommen wird, gibt man das Geld besser für Kindergärten aus. Diese Vorstellung ist natürlich ein Missverständnis. Man bräuchte keine Forschung, wenn man vorher schon wüsste, was dabei herauskommt, denn der Zweck von Forschung ist, etwas Neues zutage zu fördern. Also ist das Gegenteil richtig: Wenn man schon vorher weiß, was herauskommen würde und keine andere gute Forschungsidee hat, gibt man das Geld besser dem Kindergarten.

In der akademischen Welt gibt es eine andere Vorstellung von der Planbarkeit der Forschung, die die Entdeckung von Neuem ziemlich erschwert, und für sie ist nun mal leider Karl Popper verantwortlich. In seinem Buch „Logik der Forschung“ beschreibt er den Prozess, mit dem die Wissenschaft vorgehen müsse. Am Anfang stünde eine Hypothese, also eine Behauptung über die Wirklichkeit, und der Forscher müsse nun systematisch versuchen, diese Behauptung zu bestätigen oder zu widerlegen.

Diese Regel entwickelte sich zum Dogma in weiten Teilen der Sozialwissenschaften. Generationen von Nachwuchsforschern quälen sich seitdem mit der Aufgabe, sich Hypothesen aus den Fingern zu saugen, auch wenn das im betreffenden Fall vielleicht gar nicht sinnvoll ist. Die Fachzeitschriften wimmeln von sterilen Aufsätzen, die nicht eine originelle Idee enthalten, die aber brav das von Popper vorgegebene Muster einhalten. Irgendwie haben alle gründlich überlesen, dass Popper ausdrücklich schreibt, er beschäftige sich in seinen Ausführungen nur mit der Logik der Beweisführung, nicht aber mit der Frage, wo die Hypothese denn eigentlich herkommt. Zur Beantwortung dieser Frage ist sein Schema nämlich vollkommen untauglich.

Wie aber kommen denn nun die neuen Ideen in die Welt? Die Berichte großer Forscher wirken oft etwas verstörend und stimmen doch auffallend überein: Die Erkenntnis kommt ohne jede planbare Systematik, oft plötzlich, fast immer unerwartet. Der Chemiker August Kekulé kam mit seinem Lehrbuch nicht recht voran. Er döste vor dem Kamin ein. Im Traum tanzten seine Zeichnungen von Atomstrukturen, fassten sich am Schwanz und, wie Kekulé später schrieb, „höhnisch wirbelte das Gebilde vor meinen Augen.“ „Das Gebilde“ war das Muster der Benzolringe, das Kekulé damit erkannte.

Der Physiker Freeman Dyson kam sechs Monate lang mit der Lösung eines theoretischen Problems nicht vom Fleck. Dann machte er Urlaub, und auf dem Rückweg, „plötzlich, mitten in der Nacht (...), stand mir die Sache auf einmal klar vor Augen.“

Louis Pasteur wollte die Hühnercholera untersuchen und infizierte ein paar Tiere mit Bakterienkulturen, die sich aber als verdorben herausstellten. Anders als erwartet starben die Hühner nicht. Daraufhin infizierte er die Tiere noch einmal mit einer frischen Kultur, außerdem noch ein paar weitere Hühner, die er inzwischen neu gekauft hatte. Während diese zusätzlichen Tiere starben. blieben die, die vorher mit den abgestorbenen Bakterien behandelt worden waren, am Leben. Pasteur soll wie vom Donner gerührt dagestanden haben, als man ihm dies mitteilte. Auf einen Schlag erkannte er das Prinzip der Impfung.

Man könnte die Reihe dieser Erzählungen lange fortsetzen. Sie zeigen, dass man wissenschaftlichen Fortschritt nicht planen kann. Sie bedeuten aber auch nicht, dass man nur auf die göttliche Eingebung warten müsse, denn die kommt nicht, wenn man nicht ganz beharrlich für sie arbeitet. Alle Forscher hatten sich mit ihrem Thema abgequält, sich monatelang, jahrelang, scheinbar sinn- und fruchtlos, unermüdlich damit beschäftigt. Und irgendwann, als niemand damit rechnete, zündete der Funke. „Das Glück“, soll Pasteur gesagt haben, „bevorzugt den wohlvorbereiteten Geist.“

Und eben darum ist die These, man müsse sich heutzutage kein Wissen mehr aneignen, es genüge zu wissen, wo man die Informationen bei Bedarf finden könne, eine der ärgerlichsten und dümmsten Modebehauptungen überhaupt. Denn wie soll man mit dem denken, was man nicht im Kopf hat?

Dr. Thomas Petersen ist Projektleiter beim Institut für Demoskopie Allensbach

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