Vera Lengsfeld / 07.01.2013 / 17:08 / 0 / Seite ausdrucken

Elfriede Brüning, 102, liest in der Gedenkbibliothek

Die Gedenkbibliothek für die Opfer des Stalinismus in Berlin eröffnet seit Jahren ihre Veranstaltungsreihe mit einer Frau.
In diesem Jahr hat sie am Dienstag, dem 7. Januar, eine ganz besondere Frau zu Gast, die Schriftstellerin Elfriede Brüning: Kommunistin, Raucherin, Autofahrerin bis zum 98. Lebensjahr, wohl letzte Augenzeugin der Bücherverbrennung in Berlin und im 102. Lebensjahr noch couragiert genug, vor einem antikommunistischen Publikum aufzutreten.
Es verspricht, ein äußerst interessanter Abend zu werden. Das Buch, aus dem Brüning liest, gibt es nicht mehr, oder, besser gesagt, noch nicht wieder. Es handelt sich um Erlebnisberichte von Kommunistinnen, die in den stalinistischen Lagern der Eishölle Workutas eingesperrt waren. Brüning arbeitete in den letzten DDR-Jahren daran. An eine Veröffentlichung war erst nach 1989 zu denken. Aber als das Buch im Frühjahr 1990 auf den Markt kommen sollte, interessierte sich gerade niemand für Druckerzeugnisse der Noch- DDR. Jetzt steht eine Neuausgabe im OEZ-Verlag in Aussicht, was zu wünschen wäre, denn es gibt viel zu wenige Zeugnisse aus der düstersten Zeit des realen Kommunismus.
Brüning, aufgewachsen in einem kommunistischen Arbeiterhaushalt, in dem oft Geldmangel herrschte, den Kindern aber die bestmögliche Ausbildung ermöglicht wurde, begann schon als Teenager zu schreiben. Mit achtzehn gelang es ihr, sich auf nicht ganz legalem Wege, für eine Publikation im „Berliner Tageblatt“ zu empfehlen, wo sie dann neben Thomas Mann erschien.
Brüning trat 1930 in die KPD ein und wurde bald Mitglied im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“, wo sie zum ersten mal heftig kritisiert wurde, weil sie „nur die Sonntage des Lebens“ beschreibe und darüber den Alltag vernachlässige.
Im Dritten Reich wurde sie von einem Gestapospitzel als Bundmitglied denunziert und kam ins Gefängnis. Dort schrieb sie unter den Augen der Gestapo einen Roman, in dessen Mittelpunkt eine Frau steht, die trotz Heirat und Kind ihren Beruf nicht aufgeben will, was dem Frauenbild der Nazis widersprach.
Auch in der DDR, an deren Aufbau sich Brüning begeistert beteiligte, lag sie nicht selten neben der Parteilinie. Ihre Erzählung „Septemberreise“ erschien mit einer Verspätung von acht Jahren, obwohl Brüning 1966 längst eine gestandene Erfolgsautorin war.
Ihr Buch „Kinder ohne Eltern“, das die sozialen Probleme schildert, die offiziell verschwiegen wurden, erschien nur in einer Auflage von 5000 Stück, obwohl es bereits 17000 Vorbestellungen gab.
Kritisch sieht Brüning heute ihr Schweigen zu vielen Missständen in der DDR, wie den Hausarrest des Kommunisten Havemann, einer der bekanntesten Dissidenten im Arbeiter-, und Bauernstaat.
Brüning ist dennoch überzeugt, dass die DDR trotz aller Mängel der bessere deutsche Staat war, sie fühlt sich fremd im wiedervereinigten Deutschland. Sie tut das aber ohne jede Larmoyanz und wenn man ihre Leseproben studiert, weiß man, dass sie mit dem, was sie kritisiert,  nicht so falsch liegt.
Ihre Lebensbilanz: die große Liebe blieb ihr versagt, aber dafür hatte sie das Wertvollste: „eine Arbeit, die Befriedigung gibt. Sie kann beglückender sein als die Liebe, ist beständiger als die Leidenschaft und niemals so quälend wie die Eifersucht. Das ist die Erfahrung meines Lebens…“
Ort: Gedenkbibliothek für die Opfer des Stalinismus, Nikolaikirchplatz 5-7, 19.00

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