Henryk M. Broder / 02.01.2013 / 11:47 / 0 / Seite ausdrucken

Der Pawlowsche Leser, Fortsetzung

Kennen Sie den? Ein Referendar bereitet sich auf das Zweite Staatsexamen vor. Er ist sicher, im Fach “neuere Geschichte” geprüft zu werden und hat alles gelesen, was mit der Weimarer Republik und dem Dritten Reich zu tun hat, wozu natürlich auch die “Lösung der Judenfrage” gehört. Dann aber passiert das Unerwartete, er kommt im Fach Biologie/Zoologie dran. Die Prüfer wollen wissen, welchen Beitrag die Elefanten zum ökologischen Gleichgewicht leisten und ob es gerechtfertigt ist, sie in Zoologischen Gärten zu halten. Der Referendar wird blass und blasser, er schwitzt, er hat keine Ahnung, wo, wie und womit er anfangen soll. Schließlich reißt er sich zusammen und sagt: “Die Elefanten sind eine vom Aussterben bedrohte Spezies, das haben sie mit den Juden gemeinsam…” und referiert dann über die Ansätze zur “Lösung der Judenfrage” in der Weimarer Republik und im Dritten Reich.

So geht es manchen meiner Leser, wenn sie einen Text von mir lesen, egal worum es geht: ein Dorf in Maryland, Cafes in Reykjavik oder die “Hilfen für Griechenland”. Sie landen immer dort, wo sie sich mental 24/7 aufhalten: bei den Juden. Nicht nur Intellektuelle wie Jakob Augstein leiden unter einer Obsession, der sie immer wieder lustvoll nachgeben, der ganz normale Deutsche tut es auch. Vor allem, wenn die Obsession eine sexuelle Konnotation hat, und die hat sie fast immer.

Ein aktuelles Beispiel. Als Reaktion auf einen Text, der nichts mit Juden, Israel, dem Nahostkonflikt und anderen Reitbegriffen zu tun hat, in dem diese nicht einmal vorkommen, schreibt ein Leser:

Herr Broder, schreiben Sie über Genitalverstümmelung. Davon verstehen Sie mehr als von Wirtschaft. So einen wirren Bericht wie diesen hier über Griechenland, habe ich selten gelesen. Ja, und is klar - Deutschland ist schuld. Offenbar werden bei einigen Leuten mit dem Abschneiden der Vorhaut auch Teile des Denkapparates mit entfernt. So kommt mir ihr “Artikel” vor.

So kurz kann der Weg vom Kopf in die Hose sein. In die Judenhose, des reiner Ariers liebstes Ausflugsziel. Deren Inhalt fasziniert ihn, treibt ihn um, lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Was hat es “mit dem Abschneiden der Vorhaut” auf sich? Steigert es das sexuelle Leistungsvermögen und reduziert gleichzeitig das Denkvermögen? Versetzt es den Juden also in einen Zustand, der dem lupenreinen Arier die Glückseligkeit bedeutet? Dumm fickt gut!

Nun, manche haben noch ein intaktes Glied, wie der reimende Kretin aus Cloppenburg. “Wetzt das Messer, singt ein Lied, ab die Vorhaut von dem Glied.” Es ist, wie bei den Elefanten, die einzige Voraussetzung, um im Freiluftgehege der Gefühle ein wenig zu krakeelen. Als Politiker. Und wenn es dazu nicht gereicht hat, dann wenigstens mit einem Leserbrief.

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