Gideon Böss / 01.01.2013 / 17:56 / 0 / Seite ausdrucken

Berlin: Wutbürgerfreie Zone

Warum gibt es in Berlin eigentlich keine Wutbürger? Während in Stuttgart schon der Bau eines neuen Hauptbahnhofs reicht, um die ganze Region in arabische Frühlingsgefühle zu versetzen, nimmt der Berliner einen Tiefschlag nach dem anderen hin. Vielleicht glaubt er, dass das zum Leben in einer Metropolen dazugehört, auf jeden Fall erträgt er es. Deswegen wird auch klaglos akzeptiert, dass die S-Bahn Jahr für Jahr vom Wintereinbruch im Winter überrascht wird und der Nahverkehr dann über Monate mit der Zuverlässigkeit eines kaputten Uhrwerks funktioniert.

Vor allem Dingen scheint es den Berlinern aber gleichgültig zu sein, was für ein Milliardengrab der neue Flughafen ist. Eigentlich funktioniert da gar nichts, sogar die Rolltreppen sind zu kurz geraten, kam gerade heraus. Längst sollte schon der Flugbetrieb begonnen haben, mittlerweile hofft man auf eine Eröffnung noch 2014. Mal sehen. Aktuell macht das Gelände eher den Eindruck eines Neutronenbombentestgeländes.

Es ist ein Desaster und es ist den Leuten egal. Keine Demos, kein Frust. Und obwohl Klaus Wowereit einer der Alpha-Verantwortlichen in dieser Angelegenheit ist, gibt es nur wenige Stimmen, die seinen Rücktritt fordern. Der Chef eines Privatunternehmens hätte längst den Hut nehmen müssen, wenn er solche Summen in der preußischen Steppe versenkt hätte. Bei Wowereit kommt erschwerend hinzu, dass es Steuergelder sind. Trotzdem ist er noch mit an Bord und hat offenbar nicht den Eindruck, Teil des Problems zu sein. Die Berliner offenbar auch nicht, zumindest ist es ihnen egal.

Liegt dieses Desinteresse daran, dass der Berliner (Kristina Schröder darf auch „das Berliner“ sagen) kein Gefühl für Geld hat, weil er der arme Mann des Landes ist und ohnehin immer von Tante Bayern und Opa Baden-Württemberg was zugesteckt bekommt? Wer Bauruinen produziert und die Rechnung dann von den Westbundesländern begleichen lässt, sieht die ganze Sache vielleicht etwas lockerer, weniger persönlich. Oder ist es einfach ein Zeitgeistphänomen, weil es die ökologisch-nachhaltige Gesellschaft instinktiv gut findet, wenn Großprojekte scheitern, denn das rettet ja auch irgendwie den Planeten (zumindest bis man empört feststellt, dass ohne Flugzeuge keine Flüge in den Karibik-Urlaub möglich sind).

Eigentlich gibt es nur eine Sache, die im Zusammenhang mit dem Berliner Weltstadtflughafen funktioniert: die Bürgerinitiativen gegen Nachtflüge. Sie organisieren Demonstrationen, führen Unterschriftenaktionen durch und gewinnen immer mehr Unterstützer.

Dass der Flughafen nichts wird, ist nicht schlimm, solange zumindest das Nachtflugverbot kommt! Das ist Berlin.

Gideon Böss schreibt für DIE WELT den Blog Böss in Berlin und twittert unter: twitter.com/GideonBoess

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Gideon Böss / 01.11.2016 / 14:10 / 0

Protestantismus – zu Besuch bei Luthers müden Erben (2)

Wenn man sich bei der Evangelischen Kirche in Deutschland, die so etwas wie der Dachverband für 20 evangelische Kirchen ist, erkundigt, stößt man auf eine…/ mehr

Gideon Böss / 31.10.2016 / 07:58 / 5

Protestantismus – zu Besuch bei Luthers müden Erben (1)

Knapp 500 Jahre nach Beginn der Reformation laufe ich durch Worms. Heute handelt es sich dabei um eine Stadt, die es sich in der Hängematte…/ mehr

Gideon Böss / 17.10.2016 / 13:00 / 1

Warum Religionsunterricht nicht in die Schule gehört

In einer Kolumne auf Spiegel Online wird gerade der Religionsunterricht an deutschen Schulen verteidigt und als notwendiges Mittel gegen Radikalisierung bezeichnet. Der Artikel nennt vier Hauptpunkte. Im…/ mehr

Gideon Böss / 27.08.2016 / 08:30 / 15

Eine neue intellektuelle Spezies: Der Guterrassist

In freien Gesellschaften gibt es mehrere Grundwerte, die für den Erhalt des Systems unabdingbar sind. Die Religionsfreiheit, die eben auch die Kritik an Religionen beinhaltet,…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com