Gunnar Heinsohn / 21.12.2012 / 20:47 / 0 / Seite ausdrucken

Kenias Killing Fields

Wangari Maathai (1940-2011) repräsentiert seit den 1970er Jahren die intellektuelle Elite Afrikas. Nach naturwissenschaftlichen Studien in Amerika und Deutschland macht sie ihren Doktor in Biologie und wird Professorin für Veterinärmedizin. Man beruft die Pionierin für Wiederaufforstungen in den Club of Rome. 2002 wird sie Kenias Ministerin für Umweltschutz. 2004 gewinnt sie den Friedensnobelpreis. Doch Anfang 2008 reicht selbst ihre analytische Schärfe nicht mehr aus: In nur zwei Monaten (27.12.2007-28.2.2008) durchlebt ihr Tourismusparadies am Indischen Ozean eine Gewaltwelle, die 1.500 Menschen – mehr als zwei Gaza-Kriege – das Leben kostet, eine Viertelmillion zum Verlassen ihrer Heimat zwingt und ungezählte Geschäfte nach der Plünderung in Flammen aufgehen lässt. Bestürzt bekennt die vollkommen ratlose Friedensaktivistin ihre Fassungslosigkeit darüber, „dass so etwas in Kenia passieren konnte“ (New York Times, 07-01-2008).

Wie hätte sie es auch anders sehen können? Ihr Land dient als politisches Vorbild für den Schwarzen Kontinent. Zwischen 1975 und 2007 verdreifacht sich das Prokopfeinkommen. Über die Parlamentssitze konkurrieren ungehindert zwei Dutzend Parteien. Gewiss sind viele mit Stammesverbänden assoziiert, aber seit der Unabhängigkeit im Jahre 1963 war das niemals anders. Doch jetzt enden Wahlkampfstreiteren plötzlich tödlich, wobei es vorrangig Kikuyu des Präsidenten Kibaki trifft, die von Luo-Leuten des heutigen Premierministers Odinga niedergemacht werden.

Von den Spitzen der Weltpolitik kommt umgehend Hilfe. Niemand will das vermeintliche Musterland für erfolgreiche Entwicklungspolitik verlieren. Kofi Annan, ghanaischer Friedensnobelpreisträger von 2001 und UNO-Generalsekretär von 1997 bis 2006, fliegt nach Nairobi, wo die sprichwörtliche Konfliktaversion des Landes schnell in eine Koalition zwischen Odinga und Kibaki umgemünzt wird. Alle gehen in sich. Jeder ist überzeugt, dass unnötig Blut geflossen ist. Nie wieder Gewalt und Bürgerkrieg! So lauten die Gelöbnisse für die Zukunft.

Der Frieden hält immerhin dreieinhalb Jahre, bis August und September 2012 am Tana-Fluss bodenständige Bauern der Pokomo und wandernde Herdenbesitzer der Orma aneinandergeraten. Von den 118 Toten – zumeist Frauen und Kinder – werden etliche in ihren Häusern verbrannt. Es gibt keine Feuerwaffen, deren unkontrollierte Verbreitung so schnell als Todesursache dingfest gemacht wird. Man zerhackt mit Macheten und durchbohrt mit Pfeilen.

Gelten 2008 vorrangig Stammeskonflikte als Grund für das Blutvergießen, so gerät nun die Spannung zwischen Sesshaften und Nomaden ins Visier. Doch auch die gibt es seit Jahrtausenden. Warum sollten sie sich auf einmal so mörderisch auswirken?

Im selben August 2008 wird es noch komplizierter. Nach dem Attentat auf einen muslimischen Predigers brennen in der Tourismushochburg Mombasa sechs Kirchen. Nun scheinen es die Religionen zu sein, die den Krieg befeuern, obwohl auch sie schon seit vielen Jahrhunderten nebeneinander existieren. Und woher nimmt die Minderheit von 4,5 Millionen Muslimen plötzlich den Mut, gegen die überwältigende christliche Mehrheit Kenias aufzubegehren? Ein so nachdenklicher Beobachter wie Johannes Korge gibt gegen eine vorschnelle Religionskriegsthese immerhin zu bedenken, dass Christen und Muslime in Kenia „lange vergleichsweise harmonisch zusammenlebten“ (Spiegel online, 30-08-2012). Aber weiter gesponnen wird das nicht.

Am 20. Dezember 2012 gehen einmal mehr am Tana-Fluss Pokomo und Orma mit Hackmessern ans Werk: 39 Tote (NYT, 21-12-12). Wenn es nun nicht um „Bauern gegen Nomaden“, „Muslime gegen Christen“, „Kikuyu gegen Luo“ oder gar um ein Ringen der Himmelsrichtungen Nord gegen Süd geht, was wäre dann ein brisanter Faktor? Welches Konfliktpotential war – wie Stämme und Religionen – in Kenia nicht immer schon da? Und warum wirkt es so wuchtig, dass selbst die Erschütterung über Verbrannte und Zerstückelte so wenig dagegen ausrichtet?

Könnte die Verzwölffachung von Kenias Bevölkerung in nur 80 Jahren von 3,7 auf 43,5 Millionen Einwohner eine Rolle spielen? Ihr Übersehen könnte der Grund sein für die Ratlosigkeit so vieler Experten. Deutschland stagniert im selben Zeitraum zwischen 1932 und 2012 bei 66 Millionen Menschen. Nur durch 16 Millionen Migranten liegt seine Bevölkerung heute bei 82 Millionen, die aber unter einem Durchschnittsalter von über 45 wankt, während Kenia mit vitalen 19 Jahren voranstürmt.

Kenias Bruderkriegs-Index erreicht bei den Tötungen von 2007/2008 einen Wert von 6. Auf einen rentennahen Mann im Alter von 55 bis 59 folgen sechs Jünglinge zwischen 15 und 19 Jahren. Um zehn frei werdende Positionen kämpfen sechzig zornige junge Männer. In Deutschland hingegen folgen auf zehn Abtretende nur acht Berufsanfänger. Wäre man hierzulande gewachsen wie Kenia, gäbe es fast 790 Millionen Deutsche, dafür aber keinen Frieden in Europa.

Etliche Jahrzehnte lang kann man in Kenia den Zuwachs in dem einst dünn besiedelten, aber fruchtbarem Land (etwas größer als Frankreich) durch das Bereitstellen brach liegender Flächen für Höfe und Weiden auffangen. Dieses Potential ist längst ausgereizt. Dennoch bemühen sich die Betroffenen – wie immer wieder hoch und heilig versprochen – um friedlichen Umgang. Bevor Hirten beispielsweise in Bauernland einfallen, verletzen sie lieber erst einmal nur die Naturschutzregeln. Deshalb empören sich im Juni 2012 Tierschützer über Nomaden, die sechs Löwen mit ihren Speeren erledigen, weil die immer wieder reißend in die Ziegenherden einfallen. Daraufhin wird die Gefährdung der Gewinne beklagt, die Kenia bei Touristen mit der Besichtigung seiner Großkatzen, nicht aber mit einheimischen Löwenschlächtern verdienen kann.

Doch für Tierschützer und die Eingeborenen Kenias sind die Prüfungen noch lange nicht vorüber. Obwohl die Kinderzahl pro Frau von acht im Jahre 1965 auf fünf im Jahre 2010 fällt (D: 1,4), wird der Bruderkriegsindex bis 2025 immer bei mortalen 5 liegen und erst 2050 auf immer noch blutige 3 fallen, also die Werte Libyens und Ägypten bei Beginn der Aufstände Anfang 2011 erreichen.

Für eine Kalkulation weiterer Zuspitzungen mag ein Vergleich zwischen den vier Jahren von 2008 bis 2012 und den kommenden vier Jahren von 2013 bis 2016 dienen. Hinter dann rund 2,5 Millionen jungen Männern zwischen 15 und 19 Jahren machen sich 3 Millionen Knaben zwischen 10 und 14 Jahren für den Lebenskampf bereit. 2008 gab es erst 2,2 Millionen 15-19-Jährige für den Umgang mit Macheten und Speeren. Ihnen folgten mit 2,4 Millionen 10-14-Jährigen nur 200.000 zusätzliche Rekruten. 2015 aber werden es eine halbe Million sein.

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