Gideon Böss / 06.12.2012 / 16:56 / 0 / Seite ausdrucken

Pantoffelhelden wie wir!

Heute habe ich einen Artikel über Frau Steinbrück gelesen, in diesem bewirbt sie ihre „grüne Seele“, wegen der sie Rad fährt, außerdem erklärt sie, dass ihr Mann Tiere mag und auch sonst ein ziemlich toller Kerl ist. Etwas interessanter wird es dann, wenn sie den Frauen von US-Politikern das vorwirft, was sie gerade selbst macht, nämlich Werbung für den eigenen Partner. Während es in ihrem Fall aber zeigt, was für eine selbstbewusste Frau sie ist, ist es auf der anderen Seite des Atlantiks der Beweis für „geistiges Popcorn“, das die „Intelligenz eines jeden Bürgers beleidigt“.

Na schön, sieht sie halt so. Ein ganz anderer Punkt nervt jedoch tatsächlich, nämlich dass der gute Peer sich nach Bekanntgabe seiner Kanzlerkandidatur vor dem Familienrat verteidigen musste. „Doch einberufen wurde er nicht etwa vom Vater, sondern von Katharina, der ältesten Tochter“, heißt es da. Ist ja nicht zu glauben, wie es sogar in Politikerfamilien menschelt. Hinter der harten Schale, ein pantoffelheldiger Kern. Hätte man nicht gedacht und wollte man nicht wissen.

Warum ist es eigentlich so, dass Politiker mittlerweile krampfhaft raushängen lassen müssen, dass sie in ihren eigenen vier Wänden nichts zu sagen haben, dass da Frau, Kind und Hund ihnen ständig über den Mund fahren und sie sich unterzuordnen haben. Für wen genau wird das Bild des Weicheis, das um Erlaubnis fragt, wenn es am Abend mit Freunden noch ein (alkoholfreies) Bier trinken geht und ansonsten ständig mit Abwasch und Bügeln beschäftigt wird, inszeniert? Will man wirklich glauben, dass ein Abgeordneter, der über Auslandseinsätze der Bundeswehr entscheidet, in seinem Privatleben zu einer männlichen Variante der aufopferungsvollen Ehefrau der 1950er Jahre wird, die den Tisch deckt, immer lächelt und die Zimmer sauber hält?

Anders gefragt, wer glaubt wirklich, dass Machtmenschen in einer Abwandlung von Doktor Jekyll und Mister Hyde in der Limousine auf dem Weg in den Feierabend noch schnell den eigenen Pressesprecher fertig machen und dann mit der Gattin einen DVD-Abend mit beiden Teilen von Sex and the City klaglos durchstehen müssen? So sind sie eben, unsere Politiker. Und das ist natürlich kein „geistiges Popcorn“, wenn sich die Alphatiere von CSU bis Linke darin überbieten, wie wenig bis gar nichts sie in ihren eigenen Familien zu melden haben.

Einen konsequenten Schritt weiter sind da übrigens die Piraten gegangen. Während die Vertreter der etablierten Parteien meinen, durch die Zuschaustellung privater Machtlosigkeit irgendwie authentisch zu wirken, kopieren die Piraten die angenommen Ahnungslosigkeit der Bürger gleich mit. In diesem Sinne ist keine Partei so modern wie die programmlosen Seeräuber.

Ob die Betonung der sanften Seite aber wirklich einen positiven Effekt auf das Wahlverhalten hat, darf bezweifelt werden und es wäre zu wünschen, wenn Bettina Wulffs Enthüllungen über ein Leben, um dessen Enthüllung niemand gebeten hatte, den Schlusspunkt unter diese Entwicklung setzen. Nehmt euch ein Beispiel an der Kanzlerin, niemand weiß, wer in ihrer Beziehung das Sagen hat und dennoch wird sie immer und immer wieder gewählt. Vielleicht wollen die Leute ja gar keinen Waschlappen im Kanzleramt.

Gideon Böss schreibt für DIE WELT den Blog “Böss in Berlin” und twittert unter twitter.com/GideonBoess

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