Gideon Böss / 11.11.2012 / 16:25 / 0 / Seite ausdrucken

Joachim Gauck und die Zivilcourage

Nachdem mehrere Abschaumgestalten am Alexanderplatz einen jungen Mann durch Tritte getötet hatten, waren das Entsetzen und die Fassungslosigkeit riesig. Was ist nur los in diesem Land, wie kann so etwas passieren und vor allem, wie kann man das in Zukunft verhindern? Es folgten die üblichen Talkshows mit Titeln wie „Ich schlag Dich tot!’ Jugendgewalt – wahllos und gnadenlos?“ oder „Keine Gnade für die Opfer – was soll mit den Schlägern geschehen?“ und diverse Experten gaben ihre Sicht der Dinge bekannt.

Da gab es kluge Gedanken und dummes Gerede und doch stach eine Stellungnahme heraus. Die von Bundespräsidenten Joachim Gauck: Er forderte als Reaktion auf den Mord mehr Zivilcourage, in solchen Fällen gehe es „ums einschreiten”. Meint er das ernst? Jonny starb, weil er einschritt, als sein Freund von der Mörderbande bedroht wurde. Das war Zivilcourage und sie hat ihn das Leben gekostet. Hat Gauck das nicht gewusst oder wie soll man sonst seinen Appell verstehen?

Es ist eine deprimierende Phrase, die der höchste Mann im Staat da seinen Landsleuten zukommen lässt. Vielleicht sieht man die Welt um sich herum anders, wenn man permanent von bewaffneten Sicherheitsleuten beschützt wird und nicht in die Verlegenheit gerät, in einem U-Bahnhof (oder eben dem Alexanderplatz) Zeuge eines Angriffs von mordbereiten Asozialen zu werden. In Wahrheit ist es so, dass man jedem davon abraten muss, in solchen Fällen Zivilcourage zu zeigen. Zumindest, solange der deutsche Staat es den Bürgern verbietet, sich zu bewaffnen. An dieser Stelle soll es nun aber nicht darum gehen, ob und wie man das Waffenrecht ändern sollte, sondern nur um die bloße Feststellung, dass man nicht den Besitz von Waffen verbieten und gleichzeitig erwarten kann, dass ein Unbewaffneter sich einer Horde von Totschlägern in den Weg stellt.

Nein, die Zivilcourage ist in diesen Fällen nicht das Problem, viel eher aber die (Berliner) Justiz. Seit Jahren schöpfen die Gerichte selten bis nie die Möglichkeiten aus, die ihnen das Strafrecht bietet. Obwohl längst klar ist, dass Sozialstunden und Deeskalationstherapien auf Intensivtäter wenig Eindruck machen, wird immer wieder eine weitere „letzten Chance“ gegeben und noch eine und noch eine. Dabei ist die dahinterstehende Sorge der Richter, dass eine Haftstrafe die Resozialisierungs-Chancen des Serientäters reduzieren würden, vor allem eine Verhöhnung der Opfer. Es sollten ohnehin nicht die Täter im Mittelpunkt des Interesses stehen, sondern die Frage, wie man die Gesellschaft vor solchen Irren schützen kann. Dazu gehört nicht vor allem die Überlegung, wie man ihnen die „Resozialisierung“ möglichst leichter machen könnte.

Warum auch? Für Gestalten, die enthemmt auf fremde Menschen eintreten, die sie zuvor in die Bewusstlosigkeit geprügelt haben, sollte man den Weg „zurück in die Gesellschaft“ ohnehin erst einmal gar nicht in Betracht ziehen. Es wäre angemessener gewesen, wenn Gauck das zögerliche Vorgehen der Justiz gegen solche Leute angesprochen hätte, anstatt an eine in solchen Fällen weltfremde (und lebensgefährliche) Zivilcourage zu appellieren.

Gideon Böss schreibt für Die Welt den Blog “Böss in Berlin” (http://boess.welt.de/) und twittert unter https://twitter.com/GideonBoess

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