Gideon Böss / 26.10.2012 / 19:59 / 0 / Seite ausdrucken

Feminismus und der kapitalistische Westen

Da ich während meines völlig nutzlosen Studiums auch fünf Gender Studies-Kurse an zwei Universitäten besuchen musste, bin ich ausgewiesener Gender-Experte und nutze jede Gelegenheit, mich zu den Themen Geschlechterrollen, Gender und Objektivierung des Körpers zu Wort zu melden. Schließlich sollen die ewigen Stunden in den Seminaren ja irgendeinen Nutzen gehabt haben.

Aktuell wird das Buch „Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus“ in den Kulturteilen der Zeitungen gelobt. Es sei eine schonungslose Kritik der spätkapitalistischen Zustände, die sich durch die Ausbeutung der Frau und „seelenlosen Sex“ äußern, heißt es in den Artikeln.

Was an solchen feministischen Wutbüchern immer irritiert, ist ihre Kapitalismusfeindlichkeit. Woher kommt die eigentlich? Die Frauenbewegung hat schließlich nur in kapitalistisch-westlichen Ländern Erfolg gehabt. Trotzdem arbeiten sich die Feministinnen an diesem System ab, als ob es das größte Unglück der Geschichte wäre!

Genauso seltsam ist die Verteufelung der Pornografie, immer verbunden mit der Kritik daran, dass Frauen dort zu Sexualobjekten reduziert werden. Stimmt, das werden sie, die männlichen Darsteller übrigens auch. Na und? Zu was soll man Menschen in einem Porno denn sonst „reduzieren“? Zumal Feministinnen offenbar davon ausgehen, dass der Konsum von Pornos im Westen (ebenso wie die Darstellung in einem solchen Film) erzwungen wird. Da die Pornos im Kapitalismus also Erotik und Intimität zerstören, hilft ein Blick in die unverdorbenen und heilen Welten jenseits des „industrialisierte Sexualität mit fließbandmäßig pumpenden Kolben“  propagierenden Westens. Da gibt es dann zum Beispiel die romantischen Zwangsheiraten zwischen kleinen Mädchen und alten Männern, da gibt es die Verfolgung Homosexueller und die Verbannung „unreiner“ Frauen aus der Gemeinschaft. Und freie Liebe von Riad bis Havanna sowieso.

Im Grunde ist die Aussage solcher Bücher immer: Der Westen besteht aus genormten Menschen, aus Frauenverachtung und Ausbeutung. Wer so eine reduzierte Sicht auf die Gesellschafft hat, kann keine interessanten Gedanken über den „Weiblichen Körper im Kapitalismus“ zu Papier bringen. Zumal eine beeindruckende ideologische Blindheit dazugehört, die Vielfalt an Lebensentwürfen, die es im Westen gibt, zu übersehen. Auch dass die „mutigen“ Vordenkerinnen des Feminismus selten aus Mauretanien, China oder Nigeria kommen, sondern aus dem Herzen des kapitalistischen Bösen selbst, nämlich den USA und Großbritannien, könnte einen theoretisch etwas ins Grübeln bringen. Ist aber nicht so. Darum sind diese feministischen Werke, die ja immer in erster Linie Kapitalismuskritik sind, selten interessanter als die wütenden Pamphlete, die die Marxistisch-Leninistische-Partei anzubieten hat.

Und während altgeborene Ideologinnen noch auf ihre Vorurteile bestehen, zieht die Gesellschaft längst weiter. Zum Beispiel auch in Sachen Pornoindustrie. Das letzte Wort hat darum heute der Pornodarsteller Ron Jeremy:

„Ach, wissen Sie, auch in unserem Business wandeln sich die Geschlechterrollen. In vielen meiner Filme bin ich der Sklave der Girls. Sie dominieren eindeutig die Situation. Außerdem ist es ein Märchen, dass die sexuellen Fantasien von Frauen soft und sauber sind. Im Gegenteil! Entweder schauen sie überhaupt keine Pornos, oder ihre Fantasien sind genauso schmutzig wie die der Männer.“

Gideon Böss schreibt für Die Welt den Blog “Böss in Berlin” (http://boess.welt.de/) und twittert unter https://twitter.com/GideonBoess

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