Maxeiner & Miersch / 13.10.2012 / 16:52 / 0

Auf der Kücheninsel

Wir kaufen eher selten neue Möbel, trotzdem finden Kataloge und Prospekte dieser Branche stets unsere volle Aufmerksamkeit. Ganz einfach, weil solche Werbeschriften aufschlussreiche Repräsentanten des Zeitgeistes sind. Sie verraten stets auch etwas darüber, wie sich die Werbeleute die geistige Möbilierung ihrer Kunden vorstellen.

Man denke nur an das Möbelhaus mit dem Elch, das zwischen Betten und Küchen gerne auch ein wenig politisch korrekte Gesinnung packt. Zwischen Billy-Regal und Emmie Söt Bettwäsche koexistieren Europäer, Afrikaner und Asiaten geradezu vorbildlich friedlich, außer im Saudi-arabischen Katalog, wo die Frauen leider draußen bleiben müssen. Im deutschen Katalog fehlt außerdem die polnische Putzfrau, aber wir wollen mal nicht so sein. Ansonsten werden fröhliche Feste gefeiert, es wird meditiert und gemalt, was das Zeug hält, Ikea ist gewissermaßen die Fortsetzung der Waldorfschule auf der Basis von Pressspanplatten.

Doch es herrscht Konkurrenz und so werden auch Anhänger konventioneller Lebensentwürfe von den großen Möbelhäusern der Republik einfühlsam angesprochen. Die Liebhaber überdimensionierter Ledercouches erwarten auf ihren Sitzmöbeln offenbar langbeinige Blondinen, vorzugsweise in leicht lasziver Haltung und manchmal auch zusammen mit einem Glas Schaumwein. Wobei auch hier die Dinge im Fluss sind: An die Stelle des bislang meist blitzsauberen „Designer“-Ambientes tritt inzwischen schon mal eine Berliner Trümmerwand, an die lässig ein Gemälde-Original lehnt. Mit einem Bekanntenkreis ohne befreundeten Maler oder Bildhauer sollte man sich heute nicht mehr erwischen lassen. Kunst muss sein, da wachsen Waldorfschule und Schaumwein zusammen.

Am besten aber gefallen uns diese neuen Designer-Mega-Riesen-Küchen, aufgestellt in Räumen von der Größe der Münchner Allianz-Arena. Darin schauen sich Pärchen in Abendgarderobe tief in die Augen, er im dunkeln Maß-Anzug sie mit waffenscheinpflichtigen Absätzen. Kochen tut darin nie jemand, dafür wären die sündhaft teuren Stücke ja auch viel zu schade und die Absätze zu hoch. Diese Küchen erinnern uns irgendwie an diesen überdimensionierten Geländewagen, die sich in der Stadt breit machen, mit denen man könnte, wenn man wollte, beispielsweise den Himalaya überqueren. Ja man könnte, wenn man wollte, in diesen Küchen auch ein paar Spiegeleier braten. Muss aber nicht sein, so alleine mit der Kücheninsel.

Erschienen in DIE WELT am 12.10.12

Und hier das Lied dazu:
http://www.youtube.com/watch?v=iOI6KtVW1PU&feature=related

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