Gastautor / 06.10.2012 / 12:49 / 0

Auf Sand gebaut

Eran Yardeni

Der neue Popstar der israelischen akademischen post-zionistischen Welt, Prof. Shlomo Sand, bekannt geworden vor allem durch seinen letzten Hit „Die Erfindung des jüdischen Volkes“, ist kommt am 23. Oktober im Rahmen einer Deutschland-Tournee nach Berlin. Sein neuer Hit „Die Erfindung des Landes Israel“ soll am 26. Oktober erscheinen. Ob er auch seine Autobiographie unter der Eigenmarke „Die Erfindung des Shlomo Sands“ veröffentlichen will oder nicht, ist noch nicht bekannt.

Aber bevor wir über Sand sprechen lassen Sie uns das berühmte Zitat von Golda Meir, der ehemaligen Premierministerin Israels, in der „Sunday Times“ (15. Juni 1969)  in Erinnerung rufen: „So etwas wie Palästinenser gab es nicht. Wann gab es ein unabhängiges palästinensisch Volk mit einem palästinensischen Staat? Es war entweder Südsyrien – vor dem Ersten Weltkrieg – und danach war es ein Palästina einschließlich Jordaniens. Es war nicht so, als gäbe es ein palästinensisches Volk in Palästina, das sich als palästinensisches Volk verstand und wir kamen und warfen sie raus und nahmen ihnen ihr Land. Es gab sie nicht“.

Dass israelische Rechtspolitiker dieses Zitat zu ihrem historischen und politischen Wegweiser machten, soll keinen überraschen. Genau so nützlich sind auch die Bücher von Sand für die Palästinenser.  Während Golda die Palästinenser ins Visier nahm, Sand die Juden und die Zionisten anpeilt, haben sie doch einiges gemeinsam: Beide Positionen sind völlig irrelevant zum Verständnis der heutigen Situation zwischen Israel und den Palästinensern und noch irrelevanter, was die möglichen Lösungen des Nahost-Konflikts anbelangt.

Politisch betrachtet kann die Frage, ob die Juden oder die Palästinenser in die Kategorie Volk fallen oder nicht, nur von ihnen selbst beantwortet werden. Solange jede dieser beiden Gruppen sich als Volk fühlt und versteht und solange dieses Gefühl authentisch ist, ist es unwichtig, was dieser oder jener Historiker über die Ursprüngen dieses kollektives Gefühl zu sagen hat. Es kann wohl sein, dass Golda Meir recht hatte. Es kann wohl sein, dass das palästinensische Volk erst nach dem Sechs-Tage-Krieg entstand bzw. erfunden wurde und zwar aus politischen Gründen. Heute aber wird dieses historische Argument nur am Rande des israelischen politischen Systems benutzt, um den Anspruch der Palästinenser auf ihren eigenen Staat zu unterminieren. Die große Mehrheit in Israel bezweifelt nicht mehr, dass es ein palästinensisches Volk gibt. Das Problem, aus der israelischen Perspektive gesehen, liegt woanders und zwar, in der Art und Weise, wie dieses Volk sein kollektives Selbstbewusstsein als Volk zum Ausdruck bringt und wie es sich Israel und seinem Existenzrecht gegenüber positioniert.

Dass Sand sogar die heutige Existenz eines jüdischen Volks bestreitet (Frankfurter Rundschau) ist historisch und akademisch zwar ungewöhnlich, politisch aber völlig unwichtig. Man darf auch nicht vergessen, dass die Art und Weise, wie Sand diesen Begriff versteht, nicht unumstritten sind. Im Interview mit Sybille Oetliker (Frankfurter Rundschau) hat er auf die Aussage “Viele Juden, auch säkulare, fühlen sich durch ihr ‘Jüdisch-Sein’ verbunden“ folgendes gesagt:

„Natürlich gibt es eine Affinität unter Juden aus aller Welt. Nach der Shoa ist das selbstverständlich. Das macht aber noch kein Volk. Ich fühle mich weit mehr mit einem arabischen Kollegen an der Universität, der hier lebt und aufgewachsen ist wie ich, verbunden als mit einem Juden, der sein Leben lang in den USA gelebt hat. Es gibt keine Volkskultur der Juden auf aller Welt. Es gibt aber die gemeinsame Religion. Die Juden in Yemen, in den USA und dem Maghreb lesen nicht die gleiche Literatur, singen nicht zusammen, gehen nicht ins gleiche Theater - aber sie haben die gleichen Gebete und den gleichen Glauben.“

Man kann natürlich den Begriff „Volk“ so verstehen, man muss aber nicht. Eine andere ziemlich verbreitete Definition wäre: Ein Volk ist eine Gruppe von Menschen, die denken oder glauben (auch wenn sie nicht beweisen können), gemeinsame Wurzeln zu haben. Definiert man den Begriff so, kann man dann schwer behaupten, dass es heute kein jüdisches Volk gibt.

Übrigens, ich glaube Sand, wenn er sagt, dass er das Gefühl hat, mehr mit seinen arabischen Kollegen in gemeinsam zu haben als mit Juden, die ihr Leben lang in den USA lebten. Das einzige Problem damit ist, dass Sand aus seiner privaten Disposition eine angebliche allgemeine Schlussfolgerung ableitet. Inwieweit aber diese Aussage auch für die Mehrheit der Juden gilt, die sich, unabhängig von Sand, als ein Volk betrachten, kann man nur spekulieren.

Die Ideen von Sand sind interessant, dabei politisch irrelevant. Und sie werden konsumiert von denjenigen, die von diesen Werken etwas erwarten, was sie nicht liefern können: Politische Erkenngnisse zum heutigen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

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